Politik

Scholz und die SPD siegen, aber alles offen

27.09.2021 • 06:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Olaf Scholz steht nach der Wahl wohl ohne einen verlässlichen Bündnispartner da
Olaf Scholz steht nach der Wahl wohl ohne einen verlässlichen Bündnispartner da Photothek via Getty Images

Die CDU/CSU stürzte mit Armin Laschet auf ein Rekordtief.

So viel Jubel hat das Willy-Brandt-Haus zuletzt selten erlebt. „Olaf! Olaf!“, schallt es durch das Atrium der SPD-Zentrale in Berlin. Dann tritt Olaf Scholz vor die Presse und erklärt: „Viele Wählerinnen und Wähler hätten deutlich gemacht, dass sie einen Wechsel in der Regierung wollen“, sagt Scholz und schiebt hinterher: „Weil sie wollen, dass Olaf Scholz der nächste Kanzler wird.“

Wenn es nur so einfach wäre. Denn Scholz klingt selbstbewusst. Aber auch trotzig. Leicht verspätet erscheint er vor den Kameras. Zu unsicher war die Lage. Scholz hatte die SPD wachgeküsst und zu einem fulminanten Comeback verholfen. Aber nach guten Umfragen landet die SPD am Wahltag nach ersten Hochrechnungen nur knapp vor der Union. „Wir wollen die Regierung bilden“, beharrt Generalsekretär Lars Klingbeil. Doch belegen die ersten Hochrechnungen auch die Schwäche der Linkspartei. Der SPD kommt ein Bündnispartner abhanden. Das verändert die politische Geometrie.

Beide erheben Führungsanspruch

„Respekt“ wiederholt Scholz an diesem Abend seine zentrale Wahlkampfformel und fordert soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz ein. Doch ist es ein bitterer Erfolg. Die SPD steht ohne verlässliche Bündnispartner da. „Das Votum ist eindeutig“, sagt Scholz. Der Versuch, eine Regierung zu bilden, müsse „sofort beginnen“. Nur keine Zeit verlieren, den Erfolg untermauern. Es ist ein Spiel der Interpretationen an diesem Abend in Berlin.


Von der SPD-Zentrale im Willy-Brandt-Haus sind es nur wenige Kilometer in Berlin, den Landwehrkanal entlang, an der Neuen Nationalgalerie vorbei. Dann grüßt die CDU-Zentrale. Die CDU hat ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis eingefahren. Dafür herrscht eine überraschend gute Stimmung. Denn die Union präsentiert ein ganz anderes Narrativ.

Schon vor Scholz war Unionskanzlerkandidat Armin Laschet vor die Presse getreten und untermauert seinen Führungsanspruch. „Dieser Abend ist eine Ausnahmesituation“, sagt Laschet. Er spricht nicht über das schwache Ergebnis, sondern richtet den Blick hinüber zur scheidenden Kanzlerin und dankt Merkel für „16 Jahre gute Jahre“. Und formuliert seinen Anspruch: „Wir werden alles daransetzen, eine Regierung unter Führung der Union zu bilden.“ Nur keine Illusionen: Die Union will auch nach 16 Jahren Angela Merkel regieren.

Zwar gibt es eine deutliche Tendenz, aber genaue Ergebnisse lassen noch lange auf sich warten. Eine Rekordzahl an Briefwählern hat abgestimmt in Deutschland, zudem haben Berlin und Mecklenburg-Vorpommern parallel Landesparlamente gewählt, wegen Pannen hat sich die Abstimmung in der Hauptstadt sogar über zwei Stunden länger als geplant bis gegen acht Uhr hingezogen. So ist alles in Bewegung.

Doch gibt es deutliche Zeichen. CSU-Chef Markus Söder war in den Tagen vor der Wahl auf Distanz zu Laschet gegangen. Nun scheint ihn auch ein möglicher zweiter Platz am Auftrag einer Regierungsbildung nicht zu stören. „Wir brauchen eine Regierung aus Modernität und Stabilität“, sagt Söder. Das klingt fast wortgleich wie Laschet. Für alle: Die Union steht zusammen.


Und umwirbt FDP und Grüne. „Das Wahlergebnis lässt sich nicht einfach lesen“, sagt FDP-Chef Christian Lindner. Der Liberale ist immer gut für eine Überraschung, so auch an diesem Abend. Er kündigt seinerseits erste Vorgespräche mit den Grünen an. Nur nicht auseinanderdividieren lassen vor Gesprächen mit einem der geschrumpften Großen. Lindner bemüht sich bewusst um Entspannung. Zuletzt hatte er mit Robert Habeck bei einem Softdrink konferiert. Bei den Grünen verändern sich gerade die Kräfteverhältnisse. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Ko-Chef Robert Habeck treten gemeinsam vor Presse in der Columbia-Halle am alten Flughafen Tegel. Baerbock gesteht noch mal eigene Fehler ein, betont aber auch immer wieder, sie werde künftig „gemeinsam mit Robert Habeck“ entscheiden. Im Klartext: Habeck ist zurück im Kraftzentrum der Grünen, Baerbock versucht, die Debatte über das schlechte Abschneiden im Duett zu ersticken.

In einer TV-Runde berät das Spitzenpersonal der Parteien am Abend die Lage. Schon da wird deutlich. Er halte wenig von der Gerhard Schröderschen Machtarithmetik von „Koch und Kellner“, versucht Scholz ein neues Koalitionsklima zu etablieren. Doch wirkt er im Kreis leicht isoliert. Laschet und Söder demonstrieren symbolische Einigkeit, Lindner bremst Scholz aus mit seinem Vorstoß zu separaten Vorsondierungen mit Grün. Noch vor laufender Kamera beginnen die Verhandlungen für Schwarz-Gelb-Grün. Es wird einsam um den gefühlten Sieger. Für Scholz und die SPD ist es ein bitterer Erfolg an diesem Abend.