Kärnten

Transplantat rettet Corona-Patientin

05.03.2021 • 15:29 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Die Lunge der Kärntnerin vor der Operation (links) und danach
Die Lunge der Kärntnerin vor der Operation (links) und danach AKH Wien

Sabine V. wäre im Vorjahr fast an Corona gestorben.

Eine Frage, mit der man nicht unbedingt ein Interview beginnen soll, die in Ihrem Fall aber gerechtfertigt ist: Wie geht es Ihnen?
SABINE V.:
Gut. Wenn ich denke, was ich hinter mir habe. Wie knapp es war. Ich war mehr tot als lebendig. Das vergangene Jahr war echt hart für mich und meine Familie.

Dieses „harte Jahr“, ihr Kampf gegen den Tod, hat relativ unspektakulär begonnen?
SABINE V.: Das war so um den 20., 21. März 2020. Unsere ältere Tochter hat gehustet und hatte Halsschmerzen, ich habe einen Reizhusten gehabt. Wir haben die Hotline 1450 angerufen und uns testen lassen. Wir wollten vor allem für die Tochter Klarheit, mein Test war eher eine Vorsichtsmaßnahme. Unsere Tochter war negativ und ich positiv. Ich habe zuerst leichtes Fieber bekommen, in der Nacht war es dann extrem. Da habe ich voll hinauf gefiebert, 40 Grad und mehr. Am nächsten Tag wurde ich ins Klinikum Klagenfurt eingeliefert.
DANIEL V.: Es war wirklich schlimm. Meine Frau war schwer krank, und unsere jüngere Tochter und ich hatten nichts. Keine Symptome, nicht einmal einen Schnupfen.

Wie war das als Sie im Klinikum angekommen sind?
SABINE V.: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich bin am 22. März daheim selbst noch ins Rettungsauto gestiegen, aufgewacht bin ich in Wien. Das war Anfang Juni, nach der Lungentransplantation. Dazwischen habe ich eine komplette Gedächtnislücke. Mein Mann hat mir später erst davon erzählt.

War dieser dramatische und schwere Verlauf von Anfang an erkennbar?
DANIEL V.: Nein, überhaupt nicht. Am Sonntag ist sie ins Klinikum Klagenfurt gebracht worden. In den darauffolgenden Tagen hatte sich ihr Zustand verschlechtert. Zuerst war sie auf der normalen Covid-Station, am 27. März wurde meine Frau dann auf die Intensivstation verlegt und ins Koma versetzt. Da sich ihr Gesundheitszustand weiter verschlechtert hat, wurde sie an die ECMO angeschlossen, die ihre Lungenfunktion übernommen hat.

Wie war für Sie als Ehemann die Situation?
DANIEL V.: Schwer, man kann ja nur zuschauen und hoffen. Als sie im Koma war, haben sie im Klinikum verschiedene Therapien probiert. Sie haben in Klagenfurt alles versucht, aber keine Therapie hat angeschlagen. Nichts hat geholfen. Es hat damals wahrscheinlich keiner genau gewusst, wie diese Krankheit zu bekämpfen ist. Dann ist der Punkt gekommen, an dem mir die Ärzte gesagt haben, dass jede weitere Behandlung ethisch nicht mehr vertretbar wäre.

Dachten Sie da ans Aufgeben?
DANIEL V.: Nein, das war überhaupt kein Thema. Nie. Wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert. Was wäre die Alternative gewesen? Meine Frau sterben zu lassen?

So weit ist es nicht gekommen.
DANIEL V.: Gott sei Dank nicht. Nach intensiven Recherchen bin ich auf eine Blutplasma-Therapie gestoßen, welche umgesetzt wurde. Aber schon nach der zweiten Therapie hat man gesehen, dass die auch nichts bringt. Die Ärzte haben gesagt, dass nur noch ein kleiner, minimaler Teil der Lunge meiner Frau funktionsfähig ist. Der Rest hat nicht mehr funktioniert.

Was dachten Sie sich da?
DANIEL V.: Da hilft nur noch ein Wunder. Die Ärzte haben mir Röntgenbilder einer gesunden Lunge gezeigt und dann Bilder der Lunge meiner Frau – das war wie Tag und Nacht. Sie haben aber noch ein Medikament ausprobiert, das auch keinen Erfolg brachte. Dann hat mir ein behandelnder Arzt gesagt: Es tut sich einfach nichts. Aber ich habe schon zuvor um eine mögliche Lungentransplantation gebeten. Am 7. Mai am Abend haben sie mich telefonisch verständigt, dass meine Frau am nächsten Tag nach Wien ins AKH überstellt wird.
SABINE V.: Die Ärzte in Klagenfurt haben alles versucht. Alles, was für sie möglich war. Und mein Mann hat sich an alles geklammert.

In Wien wurde ihre Frau dann endlich operiert?
DANIEL V.: Aber nicht sofort. Es hat weitere Untersuchungen gegeben, bei denen man gesehen hat, dass die anderen Organe meiner Frau ziemlich stark waren. Trotz der schweren Erkrankung und trotzdem, dass der Corona-Test noch immer positiv war, entschied sich das Ärzteteam im AKH dann die Transplantation durchzuführen.

Was dachten Sie sich, als doch grünes Licht für die Operation am 18. Mai gekommen ist?
DANIEL V.: Noch einmal Zittern. Ein paar Tage zuvor war eine Spenderlunge da, aber die hat leider nicht gepasst. Erschwert wurde die Situation für uns, dass wir nicht zu ihr konnten. Es gab wegen Corona ja ein komplettes Besuchsverbot. Erst nach der Operation in Wien waren wir bei ihr. Am 27. Mai, an ihrem Geburtstag, haben die Ärzte versucht meine Frau aufzuwecken. Sie hat sich leicht bewegt, aber erinnern kann sie sich daran nicht.

Was war Ihr erster Gedanke als sie nach der Transplantation munter geworden sind?
SABINE V.: Was ist da jetzt los? Ich habe nicht reden können und meine Hände und Füße nicht bewegen können. Dann habe ich das medizinische Personal in ihren Schutzanzügen gesehen, die für mich wie Marsmenschen aussahen.

Wie ist es dann weitergegangen? Nicht nur Ihr Mann und ihre Töchter haben gekämpft, auch sie.
SABINE V.: Es war wie in einem schlechten Traum. Ich habe kämpfen müssen, dass ich wieder alles bewegen kann. Ich konnte nicht einmal mehr sitzen. Als ich das erste Mal aufgesessen wurde, ging das nur mithilfe von Physiotherapeuten. Meine Muskeln waren komplett schlaff. Am 12. Juni bin ich nach Monaten wieder am Bett gesessen, natürlich mit Unterstützung. Ohne die Therapeuten wäre das nie möglich gewesen. Zu Beginn war ich immer auf Unterstützung angewiesen, beim Sitzen, beim Gehen und so weiter.

Konnten Sie nach der Operation reden?
SABINE V.: Nein, lange Zeit konnte ich nicht reden. Anfangs habe ich nur auf Dinge gezeigt, die Ärzte und Pfleger mussten raten, was ich will.

Ihr erstes Wort?
SABINE V.: Das war „Hallo“. Da wurde ich kurz von der Maschine abgeschlossen.

War ihre Familie bei Ihnen in Wien?
SABINE V.: Ja, mein Mann hat in Wien eine Wohnung gemietet. Unsere ältere Tochter war unter der Woche bei mir, am Wochenende ist sie nach Kärnten gefahren und mein Mann und unsere jüngere Tochter, wenn es in der Schule möglich war, sind zu mir gekommen. Es war eine schwere Zeit und ohne ihre Unterstützung hätte ich es nicht geschafft.

Wie war der Weg zurück?
SABINE V.: Schwer, sehr schwer. Vor allem zu Beginn habe ich mir gedacht: Wann wache ich aus diesem Traum auf? Es ging alles so langsam und es war sehr mühsam. Da dachte ich manchmal ans Aufgeben. Ich war wie ein kleines Kind, ich musste sogar wieder Essen lernen. Aufgrund einiger Komplikationen im Krankheitsverlauf schaffte ich den Schritt zur Reha erst beim dritten Versuch. Immer habe ich Fieber bekommen und musste bleiben.
DANIEL V.: Die Koffer waren schon gepackt. Dann hieß es wieder: Alles zurück!

Gab es einen positiven Wendepunkt?
SABINE V.: Ja, die letzte Woche in der Reha in Hochegg. Da wusste ich, jetzt darf ich bald nach Hause. Am 15. November bin ich endlich heim. Viel länger hätte ich es nicht mehr ausgehalten: Ich war da schon mehr als 230 Tage in Krankenhäusern und auf Reha.

Wie war das Gefühl als Sie wieder daheim waren?
SABINE V.: Das war komisch nach so langer Zeit, aber es war 100 zu 1. Das hat mir wieder einen Motivationsschub gegeben.

Wie sieht heute Ihr Alltag aus?
SABINE V.: Maske, Abstand, regelmäßige Desinfektion, die üblichen Corona-Maßnahmen gelten sowieso. Dann bekomme ich zweimal die Woche Physiotherapie. Sonst mache ich Turnübungen mit meiner jüngeren Tochter. Die ist da sehr dahinter. Und wir gehen jeden Tag spazieren. Die Muskulatur muss noch aufgebaut werden. Zudem muss ich einmal pro Monat zur Kontrolle, entweder ins Klinikum Klagenfurt oder ins AKH Wien. Auf Pflanzen in der Wohnung oder Gartenarbeit muss ich jetzt verzichten.

Ihre Ziele?
SABINE V.: Ich will alles wieder selbstständig machen und wieder arbeiten gehen können. Auch wenn es in meinem alten Job als Verkäuferin nicht mehr geht, weil ich nicht mit so vielen Leuten Kontakt haben darf, will ich wieder arbeiten. Aber dieses Jahr werde ich mir wohl noch Zeit geben müssen.

Wissen Sie wie sehr ihre Lunge beschädigt war?
SABINE V.: Mir haben die Ärzte gesagt, meine Lunge war komplett von der Krankheit zerstört. Ein Chirurg sagte, er hat so eine Lunge noch nie gesehen. Das war nur noch ein Gatsch. Dass ich überlebt habe, war echt ein Wunder. Da habe ich 1000 Schutzengel gehabt.

Waren Sie vor der Coronainfektion krank?
SABINE V.: Nein, überhaupt nicht. Ich war im Februar zuvor auf Kur, aber wegen einer Hauterkrankung. Nichts, was laut AKH Wien Einfluss auf meine Corona-Erkrankung hatte. Ich weiß auch nicht, wo ich mich angesteckt habe. Keine Ahnung.

Sie haben lange überlegt, ein Interview zu geben. Warum doch?
SABINE V.: Weil ich Menschen, die Corona verharmlosen oder leugnen, nicht verstehe. Das kapiere ich nicht. Diese Krankheit muss man ernst nehmen, sie ist lebensgefährlich. Ich bin das beste Beispiel, wenn man das so sagen kann. Das ist so schnell gegangen.

Hatten Sie damals, im Frühjahr 2020, Angst vor Corona?
SABINE V.: Nein, eigentlich gar nicht. Ich war im vergangenen März auch eine der ersten, die so schwer erkrankt ist. Damals wusste keiner so genau, was das für eine Krankheit ist und sie war weit weg. Die meisten dachten, das ist so eine Art Grippe. Jetzt wissen wir, dass Corona absolut tödlich sein kann.

Ihr Überleben, ihre Genesung ist ein Erfolg vieler.
SABINE V.: Ja. Dass ich noch lebe und es mir immer besser geht, ist der Verdienst so vieler Menschen. Dafür möchte ich mich beim gesamten Ärzteteam um Professor Doktor Klepetko, bei den Krankenschwestern, den Pflegern und den Therapeuten bedanken. Besonders danke ich auch den Physiotherapeuten der ICU 13 I 2 Intensivstation und der 20 B Normalstation im AKH Wien, beim Rehabilitationszentrum Hochegg in Niederösterreich und dem Klinikum Klagenfurt sowie bei meinem Physiotherapeuten Daniel Morak.

Zur Berichterstattung

Sabine V. und ihre Familie haben nach reiflicher Überlegung ausdrücklich um eine nicht identifizierbare Berichterstattung gebeten – was natürlich auch ihr Recht ist.

Die Kleine Zeitung kommt diesem Wunsch selbstverständlich nach und verzichtet daher auf die volle Nennung des Familiennamens. Ebenso wurden von der Kärntnerin und ihrer Familie keine Foto- und Filmaufnahmen gemacht.