Politik

Corona-Briefe aus den Metropolen

24.11.2020 • 12:17 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Pracht aber bleibt: Nur wenige Menschen stehen vor dem Mailänder Dom
Die Pracht aber bleibt: Nur wenige Menschen stehen vor dem Mailänder Dom

Paris prahlt nicht mehr und New York strahlt nicht mehr.

Mailand
Dichter Nebel hängt über dem Domplatz der Zwei-Millionen-Metropole Mailand. Nur einige wenige Schattenfiguren in der gespenstisch anmutenden Stadt. Den morgendlichen Cappuccino Ecke Domplatz/Galleria muss man außerhalb des Lokals, stehend, trinken. „Wir sind noch lange nicht über dem Berg“, sagt Kellner Davide. Zum zweiten Mal wurde heuer über Mailand schon der Ausnahmezustand verhängt. Lokale wurden vor mehr als zwei Wochen geschlossen, Geschäfte gesperrt, Kinos und Konzerte stillgelegt. Mailand wies landesweit die höchsten Fallzahlen in der Coronakrise auf. Das Gesundheitssystem war überlastet. Nun hat sich die Situation ein wenig beruhigt, die Kurve steigt nicht mehr an. Dies ist primär auf die eiserne Disziplin der Mailänder zurückzuführen, die sich kaum ohne Schutzmaske aus dem Hause wagen und auf unnötige Spaziergänge verzichten. Selbst die Jugend trifft sich nicht mehr an ihrem Lieblingsort am Naviglio, sondern vergnügt sich „digital“. Kulturveranstaltungen boomen im Streaming-Verfahren. Bürgermeister Giuseppe Sala befürchtet, „dass die Normalität im Alltagsleben nicht so schnell zurückkehren wird“. Und ich frage mich, was „Normalität“ künftig überhaupt heißt.
Thesy Kness-Bastaroli, Mailand

New York
Evelyn Waugh schrieb einst, dass in New York „eine Neurose in der Luft liegt, die von den Bewohnern mit Energie verwechselt wird“. Damit meinte er Reizüberflutung und Überlastung, die jeder New Yorker freiwillig in Kauf nimmt, um in dieser Stadt zu wohnen. Im März schien dann diese Energie wie verschwunden. Statt jener Energie schwebte in der Luft das tödliche Virus, das schon mehr als 24.000 New Yorker das Leben kostete. 100.000 entflohen seither New York und jenen, die zurückblieben und sich beharrlich weigern, wegzuziehen, wird nun oft und gerne eine andere Form der Neurose nachgesagt. Tatsächlich ging das Leben in der Stadt in vielerlei Hinsicht in den letzten Monaten aber seinen gewohnten Gang. Restaurants und Geschäfte haben offen. Ob im Supermarkt oder in der U-Bahn, die Menschen halten sich großteils an die „Distance“-Regeln. Selten ist jemand ohne Maske im Freien. Beunruhigender ist die Waffengewalt. Nur einen Block entfernt wurden drei Männer erschossen, direkt vor einer Polizeistation. Sirenen sind das permanente Hintergrundgeräusch des täglichen Lebens. Gleichzeitig wächst auch die Solidarität unter den Menschen. Man redet mehr miteinander. Franz-Stefan Gady, New York

Athen
Bei 18 Grad ist es in Athen warm genug für einen Besuch in einem der zahllosen Straßencafés. Aber die sind ebenso geschlossen wie die Restaurants und Geschäfte. Man trifft nur wenige Menschen auf den Straßen an. Wer unterwegs ist, muss einen triftigen Grund haben und bei Kontrollen einen elektronischen Passierschein vorzeigen, den man per SMS beantragt und bekommt. Seit 6. November ist Griechenland wieder im Lockdown. Die zweite Coronawelle hat das Land im Griff. Adventstimmung? Fehlanzeige. Die meisten Menschen wirken niedergeschlagen, zermürbt. Die Beschränkungen sollten zunächst bis Anfang Dezember gelten. Aber angesichts steigender Infektionszahlen ist klar, dass sie verlängert werden. Manche Fachleute fordern bereits verschärfte Maßnahmen wie einen totalen Lockdown. Dann dürften die Menschen nur einmal in der Woche ihre Wohnung verlassen, um Lebensmittel einzukaufen. An Weihnachtsgeschäft ist gar nicht zu denken. Gerd Höhler, Athen

Madrid
Es ist schon erstaunlich: In anderen europäischen Hauptstädten werden die Corona-Beschränkungen verschärft. In der spanischen Metropole Madrid, die bis vor Kurzem als einer der schlimmsten europäischen Hotspots galt, werden derweil die Zügel locker gelassen. Die Biergärten und Restaurants in der City sind voll. Madrids konservativer Bürgermeister, José-Luis Martínez Almeida, forderte die 3,3 Millionen Hauptstadtbewohner dieser Tage sogar ausdrücklich auf, „draußen einen trinken zu gehen.
Im Spätsommer hatte Madrid den unrühmlichen Titel als „Europas Corona-Hauptstadt“ erworben. Nirgendwo auf dem Kontinent waren damals höhere Infektionszahlen registriert worden. Doch die Stadtregenten wehrten sich trotzdem gegen einschneidende Corona-Beschränkungen und setzten einen Sonderweg durch: Gasthäuser und Bierschenken dürfen bis Mitternacht aufbleiben. Die Party in der Stadt geht also weiter. Trotzdem meldet die Madrider Regionalregierung einen starken Rückgang der Infektionszahlen. Die Experten streiten nun darüber, ob dies statistische Trickserei ist. Oder ob man Corona tatsächlich auch ohne größere Beschränkungen in den Griff bekommen kann. Ralph Schulze, Madrid

Paris
Es gibt Momente, da wirkt Paris so erhaben wie nie zuvor. Die leere Stadt ohne ihre Millionen Touristen prahlt nicht mehr mit ihrer Schönheit. Sie braucht keine Bewunderer, keine Selfie-Stangen, keine chinesischen Brautpaare auf den Brücken der Seine. Es ist, als ob Paris sich endlich wieder selbst genügt. Was vorher atemberaubende Kulisse war, ist jetzt einfach wieder Stadtlandschaft. Paris mag schöner sein als je zuvor, doch die Stadt hat in der Pandemie ihre Seele verloren. Gedränge gehört hier zum Alltag. Pariser hassen den Stau, das Gedränge in der Metro, auf den schmalen Trottoirs. Man hasst vor allem, nicht schnell genug voranzukommen. Unter dem Diktat sozialer Distanzierung fehlt aber allen plötzlich die Nähe. Und auch, dass es keinen Grund mehr für Hektik gibt, denn alles, was Paris so lebenswert macht, ist geschlossen: die schönen Bistros, die Museen, die Theater, die Kinos, die kleinen Buchhandlungen in der Nachbarschaft. Immerhin hat Paris eines geschafft: Die Infektionszahlen zu drücken, die Intensivstationen zu entlasten. Paris war Sorgenkind, jetzt hat sich die Stadt zum Vorzeigepatienten entwickelt. Wir sind vorbildlich, allesamt, ganz gegen unsere Art. Es bleibt also Hoffnung, es bleibt uns immer noch Paris. Martina Meister, Paris

Belgrad
Sie müssen reinkommen. Auf der Terrasse bedienen wir nicht“, sagt der unmaskierte Kellner des Belgrader Cafes „Potpis“. Den Einwand, dass man wegen Corona den Kaffee lieber draußen trinken wolle, beeindruckt ihn nicht: „Draußen ist es mir zu kalt.“ In Serbiens sonst so kommunikationsfreudiger Hauptstadt sind die Beziehungen zwischen den Menschen coronabedingt angespannt – und erkaltet. Eltern stehen unter Dauerdruck, nun droht wieder Fernunterricht: Das Zwangs-Home-Office wird für viele zur Qual. Diejenigen, die zur Arbeit weg müssen, werden durch immer mehr erkrankte Bekannte verunsichert. Die Kliniken sind überfüllt. Doch die Lokale sind bis 21 Uhr geöffnet. „Wir sind bei den Verstorbenen unter den Besten in Europa“, versichert etwas missverständlich der wortgewaltige Staatschef. Glauben schenkt ihm aber ohnehin kaum jemand mehr.
Thomas Roser, Belgrad