Selbstbespiegelung im Glashaus: „Komplizen“ im Burgtheater

27.09.2021 • 07:24 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Selbstbespiegelung im Glashaus: "Komplizen" im Burgtheater

Etwas nach Gorki sieht dieser Burgtheater-Abend erst in der letzten von insgesamt vier Stunden aus. Zuvor fühlte man sich in den verzwickten Problemen dieser angeblichen Wiener Oberschicht, die in endlosen Monologen und Dialogen verhandelt werden, eher an Ibsen oder Schnitzler erinnert. Doch Simon Stone hat für seine gestern uraufgeführten „Komplizen“ Gorkis 1905/6 geschriebene Stücke „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ als Ausgangspunkt genommen. Gezielt wurde auf die Gegenwart.

Bob Cousins hat eine Art schicke Wohncontainer-Landschaft auf die immer wieder in Bewegung gesetzte Drehbühne des Burgtheaters gestellt. Hier hat niemand etwas zu verbergen: Labor und Küche sind ebenso wie Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer von allen Seiten einsehbar. Die Glashäuser haben keine Vorhänge. In der Mitte gibt es ein paar große, schöne Pflanzen. Angeblich steht diese Parklandschaft mit Wohn-Aquarien für Reich und Schön in Grinzing. Wer hier lebt, hat es geschafft. Doch bald stellt man fest: Wer hier lebt, ist geschafft.

Ganz geschafft ist jedenfalls der Chemiker Paul nach einer durchzechten Nacht. Jetzt würde er am liebsten noch ein kleines Nickerchen machen, um Kraft zu tanken für die Fortsetzung seiner Forschung am Schimmelbefall alter Gemälde, seinem ganz persönlichen Beitrag zur Rettung der Welt. Doch ständig latschen Menschen durchs Bild und reden und stören. Angestellte, Freunde, Verwandte. Paul ist Michael Maertens wie auf den Leib geschrieben. Am liebsten wäre der Jammerlappen gar nicht da. Alles nervt ihn. Etwa, dass seine Frau, die erfolgreiche und schöne Schauspielerin Tanya (Lilith Häßle) so schrecklich fit und agil ist und ihren Tag bereits Stunden vor ihm begonnen hat; dass sein alter Freund, der Fotograf Dietmar (Roland Koch), hier aus und ein geht, weil er an einer Porträtserie von Tanya arbeitet; dass die in ihn verknallte Scheidungsanwältin Melanie (Birgit Minichmayr) wie ein Hündchen nicht von seiner Seite weicht; dass sein Onkel Matthias (Peter Simonischek) ihn „Burschi“ nennt und herablassend behandelt.

Matthias ist Industrieller und hat gerade Probleme mit der gegen schlechte Arbeitsbedingungen revoltierenden Belegschaft und seinem Geschäftsführer, dem Scharfmacher Raschid (Bardo Böhlefeld). Dass er mit seinem Neffen – und seiner sozial engagierten Nichte Lisa (Mavie Hörbiger) – in einer Art Oberschicht-WG zusammenlebt, verdankt er Simon Stones Einfall, Gorkis von sozialen Kämpfen geprägtes Stück „Feinde“ mit dem vor dem Hintergrund einer Cholera-Epidemie spielenden Künstler- und Wissenschafter-Drama „Kinder der Sonne“ zu verknüpfen. Corona-Pandemie meets Gelbwesten-Bewegung. Heraus kommt ein personenreiches Beziehungsgeflecht, in dem vier Stunden lang fast ununterbrochen geredet wird.

Für Handlung sorgt der „Feinde“-Strang, der sich zunehmend in den Vordergrund drängt. Der Geschäftsführer wurde im Handgemenge von aufgebrachten Arbeitern bedrängt und niedergeschlagen. Im Spital befürchtet man das Schlimmste. Die Arbeiter dringen in den Garten ein und bedrohen das Wohn-Paradies. „Fickt euch alle“ sprayen sie ausgerechnet in jenem Moment auf die Glasscheiben, als das volltrunkene Quartett Paul, Tanya, Dietmar und Melanie genau das vorhat und gerade dabei ist, sich für einen flotten Vierer die Kleider vom Leib zu reißen. Simon Stone hat Sinn für Pointen.

Simon Stone kennt nicht nur seinen Gorki, sondern auch seinen Tschechow. Die Revolution braut sich zusammen, und auch der Kirschgarten wird bald gerodet. Der schlaue Raschid hat sich zusammen mit seiner durchtriebenen Frau Cleo (Stacyian Jackson) die Aktienmehrheit der Fabrik gesichert, wirft den mit seinen Kreditrückzahlungen in Rückstand befindlichen Paul (der Cleos lukratives Angebot, rasch auf PCR-Labor umzusatteln, ausschlägt) aus seinem Haus, um megalomanische Wohn- und Freizeitpark-Projekte umzusetzen, und auch privat geht alles den Bach runter: Die Frau des raubeinigen Haus-Handwerkers Igor (Rainer Gahlke) stirbt an Covid-19, der von Lisa abgewiesene Therapeut Botho (Felix Rech) wirft sich vor den Zug.

Viel ist das. Mitunter zu viel. Obwohl großteils ganz großartig gespielt wird – wobei neben Maertens als armes Würstchen, der von den anderen im eigenen Saft bis zur Konturlosigkeit weichgekocht wird, vor allem Birgit Minichmayr als durchgeknallte Anwältin für spielerische Höhepunkte sorgt -, möchte man immer wieder auf die Bühne rufen: Less is more! Doch so geht es mit viel, viel Text Richtung Finale, wo Lisa endgültig durchdreht und der weltfremde Paul endlich aufwacht: „Wir haben eine ganze Welt unserer eigenen Selbstbesessenheit geopfert. (…) Wir haben uns genau denselben Konventionen verschrieben wie die anderen Leute, die den Niedergang dieser Welt beschleunigen, weil uns nämlich unsere persönlichen Probleme, unsere ‚existenziellen‘ Probleme so viel wert waren, dass wir die allzu reale Krise, die die Welt bedroht, nicht mehr beachtet haben.“ Und für alle, die es noch immer nicht kapiert haben, fasst Matthias noch einmal zusammen: „Es ist aus für solche wie uns. Es ist aus. Wir sind selber schuld.“

Viel erschöpfter Applaus am Ende. Die Burgschauspieler sind gut, die Welt ist schlecht. Alles beim Alten also. Nicht ganz: Die in allen möglichen und unmöglichen Momenten im Zuschauerraum aufblitzenden Smartphones, die das Publikum über die Ergebnisse der vielen Wahlen an diesem Abend informieren, verkünden eine Umwälzung. In Graz haben die Kommunisten gewonnen. Die Revolution ist noch näher als gedacht. Wenn das die „Komplizen“ wüssten!