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„Lasst uns in Gesichter der Kinder sehen“

05.12.2021 • 17:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Papst Franziskus spricht mit zwei Flüchtlingskindern auf Lesbos
Papst Franziskus spricht mit zwei Flüchtlingskindern auf Lesbos AFP

Papst Franziskus reiste zu Flüchtlingen nach Lesbos.

Ein Selfie mit dem Papst: Für einige Migranten im Lager Mavrovouni geht dieser Wunsch am Sonntag in Erfüllung. Gleich bei seiner Ankunft vor dem Camp steigt Papst Franziskus aus seinem kleinen Fiat, geht auf die Menschen hinter den Absperrungen zu, schüttelt Hände und tätschelt Kindern die Köpfe. Für viele Menschen, die in diesem Lager auf ihre Asylbescheide warten, verkörpert der Papst eine Hoffnung, auch wenn sie in ihrer großen Mehrheit Muslime sind und in ihm nicht den Oberhirten sehen. Es ist eine eher weltliche Verheißung, die auf eine gesicherte Zukunft in Europa.

Etwa 100 Migranten finden in dem weißen Zelt Platz, das eigens für den Besuch des Papstes im Lager errichtet wurde. Sie hören eine eindringliche Ansprache. In der Pandemie habe die Welt gelernt, dass der Kampf gegen das Virus nur im globalen Maßstab erfolgreich sein könne, sagt der Papst. Im Umgang mit Geflüchteten sei dagegen „ein schrecklicher Stillstand“ festzustellen, kritisiert Franziskus. Dabei sei doch auch die Migration ein „Weltproblem“. Franziskus erinnert an das Schicksal vieler, die keine rettende Insel erreichten. Er spricht von einem „Schiffbruch der Zivilisation“: Das Mittelmeer sei heute „ein kalter Friedhof ohne Grabsteine“, sagt der Papst. Man dürfe nicht zulassen, dass „aus dem Mare Nostrum ein Meer der Toten wird“. Immer wieder kommt er auf das Leid der Flüchtlingskinder zu sprechen. „Lasst uns in die Gesichter der Kinder sehen und den Mut finden, uns zu schämen“, sagt Franziskus.

Auf Lesbos begrüßte Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou den Papst. Auch Notis Mitarakis, der Minister für Migration und Asyl, war auf die Insel gekommen. Griechenland wollte zeigen, dass es Fortschritte gemacht hat. Es war bereits der zweite Besuch des Papstes auf der Insel. „Ich bin wieder hierhergekommen, um Euch in die Augen zu sehen und zu sagen, dass ich Euch nahe bin“, sagte Franziskus.

Zum zweiten Mal auf Lesbos

Schon im April 2016 hatte er das berüchtigte Flüchtlingslager Moria besucht. Damals lebten dort etwa 4000 Menschen. Später stieg die Zahl zeitweilig auf 23.000. Die meisten Schutzsuchenden, darunter etwa ein Drittel Kinder, hausten in kleinen Campingzelten oder selbstgezimmerten Verschlägen. Hilfsorganisationen sprachen von Moria als der „Schande Europas“. Die Bewohner nannten das Camp die „Hölle“.

Moria gibt es nicht mehr. Im September 2020 brannte das Lager ab. Wie durch ein Wunder wurde in dem Feuersturm niemand verletzt. Heute leben etwa 2200 Schutzsuchende im provisorischen Lager Mavrovouni am Rand der Inselhauptstadt Mytilini. Ein neues Erstaufnahmelager mit Wohncontainern ist im Bau. Mit ihrer Forderung nach einer gemeinsamen europäischen Migrations- und Asylpolitik haben sich die Griechen immer noch nicht durchsetzen können. Die Vorstöße scheitern bisher vor allem am Einspruch mehrerer osteuropäischer Mitgliedsstaaten, die überhaupt keine Migranten aufnehmen wollen. Erstankunftsländer wie Griechenland, Zypern und Italien tragen deshalb die Hauptlast. Darauf ging Franziskus ein, als er mahnte: „Lasst uns aufhören, ständig Verantwortung wegzuschieben, die Migrationsfrage an andere weiterzugeben, als ob sie niemanden angehe und eine Bürde sei, die jemand anders schultern soll.“

Schon am Samstag hatte Franziskus in einer Rede in Athen an die europäischen Regierungen appelliert, jedes Land möge „entsprechend seiner Möglichkeiten Migranten aufnehmen“. Der Papst beklagte, Europa mache sich in der Migrationspolitik zum „Opfer nationalistischer Eigeninteressen, statt ein Antrieb der Solidarität zu sein“.

Warnung vor Populismus

In Athen würdige Franziskus der Beitrag des antiken Griechenlands zur Demokratie, ermahnte die Menschen zu mehr Teilhabe an der Politik, warnte vor Populismus und autoritären Tendenzen. „Hier wurde die Demokratie geboren“, sagte der Papst. Zweieinhalb Jahrtausende später sei aber „nicht nur auf dem europäischen Kontinent ein Rückschritt der Demokratie zu verzeichnen“. Die Demokratie verlange Anstrengung und Geduld, sagte der Papst. „Sie ist komplex, wohingegen die einfachen Beschwichtigungen des Populismus verlockend erscheinen.“

Das Migrationsthema nahm auch auf Zypern, wo Franziskus am Donnerstag seine fünftägige Reise begann, breiten Raum ein. Bei einem Treffen in der kleinen Kirche Santa Croce in Nikosia erzählten Geflüchtete von ihren traumatischen Erlebnissen. Und der Papst geißelte mit harten Worten das Elend auf den Flüchtlingsrouten und die Ausbeutungspraktiken der Schleuserbanden: „Das ist die Geschichte einer universalen Sklaverei“, sagte Franziskus. Der Papst verglich die Lebensbedingungen der Flüchtlinge mit den Konzentrationslagern der Nazis und den sowjetischen Gulags unter Stalin. Schutzsuchende „landen in Konzentrationslagern, wo Frauen verkauft, Männer gefoltert und Menschen versklavt werden“, sagte der Papst und kritisierte die „Gleichgültigkeit des Westens“ gegenüber Migranten: „Wir sehen, was passiert. Noch schlimmer, wir gewöhnen uns daran.“

Bei seinem ersten Besuch auf Lesbos vor fünf Jahren nahm Franziskus von dort zwölf Migranten mit nach Rom. Jetzt sollen unter der Ägide des Vatikans weitere Schutzsuchende von Zypern nach Italien reisen. Nach Angaben des Vatikans werden in den nächsten Wochen zunächst zwölf Menschen von der Mittelmeerinsel nach Italien ausgeflogen. Weitere sollen später folgen. In Italien wird sich die Gemeinschaft von Sant’Egidio um die Aufnahme der Migranten kümmern, eine 1968 in Rom gegründete katholische Laienbewegung, die weltweit etwa 50 000 Mitglieder zählt.