Besser leben

Auch ich bin nur ein klassisches Gewohnheitstier

09.10.2021 • 18:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Mein Auto musste zum Service. Damit ich dennoch meine beruflichen Termine wahrnehmen konnte, habe ich mir für den Tag der Dacia-Generalüberholung einen Leihwagen gegönnt. Ich finde Leihwagen ausborgen immer ein ganz besonderes Highlight. Ich fahre dann nämlich Autos, die ich mir selber niemals leisten könnte, und das ist immer eine Aufregung für mich. Führerschein herzeigen, unterschreiben und dann schon so einen krassen Autoschlüssel bekommen, der die Türen des Gefährtes automatisch aufsperrt, wenn man sich ihm nähert.

Wie arg ist denn das bitte! Was für ganz viele schon eine langweilige Selbstverständlichkeit ist, ist für mich noch immer so futuristisch wie Raumschiff Enterprise. Diesmal hatte ich als Leihwagen ein kleines Elektroauto bekommen. Mein Herz ist innerlich gehüpft. Als ich dann erfuhr, dass dieses aber via Automatik fährt und somit ohne Gangschaltung, hat sich in mir aber doch leichte Panik breitgemacht. Meine Erfahrungen mit dieser Fahrweise sind sehr beschränkt. Ich fahre seit 27 Jahren mit Kupplung und Gängen, kann man so etwas innert eines halben Tages einfach abschalten? Gedanklich? Die nette Dame, die mir die Handhabung und Bedeutung von „D“ für Drive und „B“ für Berg erklärte, war überzeugt, dass ich das schon hinbekomme. Ich dachte es auch. Ich konnte als Kind schon Autodrom fahren, also wieso jetzt nicht auch. Diese Rechnung hatte ich aber ohne meinen Körper gemacht. Der wollte nämlich partout bei jeder Beschleunigung oder Geschwindigkeitsreduktion auf die Kupplung steigen und Gang schalten.

Ich musste mein linkes Bein ganz bewusst möglichst weit weg von der Bremse „parken“ und presste es fest gegen den Boden des Autos. Mit meiner rechten Hand umklammerte ich meinen Gurt. Damit da nichts schief ging. So fuhr ich also nach Feldkirch. Angespannt und konzentriert darauf achtend, ja keine automatisierten Bewegungen zu machen. Dann stand ich an einer Ampel. Ich ent­spannte mich. Kann ja nichts mehr passieren. Es wurde grün und … das Auto fuhr nicht an. Zefix. Ich hatte beim Anfahren, ohne es zu bemerken, einfach in den Leergang geschaltet. Es wurde rot.

Meine Gedanken schweiften ab, ich ärgerte mich über mich selbst. Du kannst doch deinen Körper nicht einfach so über dich bestimmen lassen! Es wurde grün. Ich schaltete wieder in den Leergang. Hinter mir angenervtes Hupen. Bei der dritten Grünschaltung hatte ich meine Hand im Hosensack und musste resigniert feststellen, auch ich bin in manchen Dingen eine, die sich ungern von jahrelang Gewohntem trennt. Ich kann es kaum glauben.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt mit ihren Töchtern in Hohenems.