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Soll mündliche Matura wieder entfallen?

23.01.2022 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Soll mündliche Matura wieder entfallen?

Rückkehr der mündlichen Matura entflammt der Gemüter.

Die Pandemie bestimmt seit fast zwei Jahren unser Leben. Für uns junge Menschen ist das ein signifikanter Lebensabschnitt. Wir tragen diverse Maßnahmen mit und übernehmen Verantwortung, wo andere es nicht tun. Doch wir sind an unserer Belastungsgrenze angekommen. Denn nicht nur das Virus, auch die Politik macht uns zu schaffen.

Ein Symptom dieser Politik ist die Ankündigung, die mündliche Matura 2022 wieder verpflichtend durchführen zu wollen. Dass wir jetzt ausgerechnet über die „Mündliche“ diskutieren, haben wir uns nicht ausgesucht. Es war Altminister Fassmann, der sich am Beginn der Pandemie entschied, diesen Teil der Matura zu streichen und diesen Entschluss im Jahr darauf wiederholte. Über die Sinnhaftigkeit lässt sich streiten, wo gerade der schriftliche Prüfungsteil oft für mehr Angst sorgt. Klar ist: Hätte man uns Schüler:innen schon 2020 verstärkt in die Entscheidungsfindung eingebunden, hätten wir wohl längst ein Konzept gefunden, mit dem alle zufrieden sind. Doch das ist nicht geschehen.
Stattdessen erleben wir, wie unsere Anliegen ignoriert werden. Wir hören, dass Schulen „um jeden Preis“ offenbleiben müssen und zahlen diesen Preis am Ende selbst, indem wir reihenweise erkranken. Wir hören, dass unsere psychische Gesundheit Priorität haben muss und spüren, wie es uns immer schlechter geht. Wir hören, dass man Druck aus der Situation nehmen muss und sollen eine Matura in nahezu vollem Umfang absolvieren. So geht das nicht weiter. Nicht mit uns.

Wir haben genug von Sonntagsreden und unehrlichen Argumentationsweisen. Wer von „geschenkten Abschlüssen“ redet, verkennt die pandemische Wirklichkeit an Schulen und die Leistung, die wir täglich erbringen. Alle, die diese Realität kennen, wissen, dass eine mögliche Reduktion der Stoffgebiete nur wenig bringt, wenn fast alles nur oberflächlich behandelt werden konnte. Sie wissen, dass die Dauer-Ausnahmesituation nicht mit der Rückkehr in den Präsenzunterricht geendet hat. Sie wissen, dass eine Abschlussprüfung ihren Sinn nur erfüllt, wenn sie die logische Folge des vorangegangenen Unterrichts darstellt.

Die aktuelle Schulpolitik ist offensichtlich keinen Geistern entsprungen, die in den letzten Jahren allzu viel Zeit in Klassenzimmern verbracht haben. Sie gefällt vielleicht dem parteipolitischen Klientel, darüber hinaus aber den wenigsten. Das darf nicht mehr reichen. Denn wir haben uns nach schwierigen Zeiten verdient, gehört zu werden und eine Matura absolvieren zu können, die nicht der Pandemie, sondern vor allem uns gerecht wird.

Stolz über den eigenen Erfolg, Erleichterung, alles geschafft zu haben, und ein Meer von Gefühlen: Es gibt kaum ein schöneres Erlebnis für SchülerInnen, Lehrkräfte und auch DirektorInnen als diesen einen Moment nach dem Kommissionsbeschluss der mündlichen Noten: „Gratulation zur bestandenen Reifeprüfung!“

Ist der Versuch, die Absage der mündlichen Matura durch Streiks zu erzwingen, berechtigt? Meiner Ansicht nach: Nein! Es ist gut und wichtig, dass SchülerInnen auf ihre Sorgen und ihre besondere mentale Belastung durch die Covid-Pandemie hinweisen. Das tun ja auch Lehrkräfte und DirektorInnen. Es ist legitim, den Vergleich mit den letzten beiden Jahren anzustellen. Aber bitte ehrlich: Heuer gab es – im Gegensatz zu den beiden Vorjahren – für alle Klassen fast durchgehend Präsenzunterricht und gerade für die MaturantInnen so viel Unterstützung wie noch nie. Leistung zu erbringen, ist wichtig für die psychische Entwicklung – gerade auch in schwierigen Zeiten.

Mit Fug und Recht haben alle Vertretungen auch für heuer wieder die Berücksichtigung der Covid-Situation bei der Matura eingefordert. Anregungen und Bedenken der Basis im Vorfeld politischer Entscheidungen zu hören, ist wichtiger Bestandteil demokratischer Prozesse. Die Basis sind in diesem Fall wir alle: SchülerInnen, Lehrkräfte und DirektorInnen. Und deren Vertretungen haben zahlreiche Erleichterungen erreicht:
• mehr Arbeitszeit für die zentralen Klausuren,
• zusätzliche Förderstunden das ganze Jahr über und vor allen Teilen der Reifeprüfung,
• Einrechnung der Jahresnote auch bei der mündlichen Reifeprüfung,
• Reduktion des Stoffumfangs.

Gerade bei der mündlichen Matura können MaturantInnen ihre persönlichen Stärken zeigen. Sie selber wählen ihre zwei bis drei Fächer und damit die PrüferInnen, die sie für ihren „Auftritt“ vorbereiten: Was wären Musikproben ohne Konzert? Was wäre ein Training ohne Match? Dasselbe wie eine zwölfjährige Schullaufbahn ohne mündliche Matura!
Meine Erfahrung als AHS-Direktorin und langjährige Matura-Vorsitzende und auch der Vergleich mit den letzten Jahren macht mich sicher: Trotz Corona wurde in den Oberstufen viel gelernt und die Matura-Regeln kommen den MaturantInnen vielfach entgegen. Daher lautet mein Appell an den Maturajahrgang 2022: Vertraut auf eure eigene Leistungsfähigkeit und auf unsere pädagogische Erfahrung und Unterstützung!