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„Zu Hause ist es noch am gefährlichsten“

16.01.2022 • 18:12 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Gerichtsgutachterin
Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Gerichtsgutachterin imago/Horst Galuschka

Warum Österreich so ein tödliches Pflaster für Frauen ist.

Österreich ist bereits wenige Tage nach Jahresbeginn mit dem ersten Femizid konfrontiert, im Vorjahr wurden hierzulande 31 Frauen ermordet. Ist Österreich ein tödliches Pflaster für Frauen?
HEIDI KASTNER: Zu Hause ist es noch immer am gefährlichsten. Man kann leider mit einer sehr hohen statistischen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es auch heuer wieder Femizide geben wird.

Manche Juristen sagen: Mord ist Mord. Aber geht es beim Femizid nicht noch um etwas anderes?
HEIDI KASTNER: Femizid ist ein kriminologischer Fachbegriff, der sich im Strafrecht nicht wiederfindet. Insofern gilt für einen Juristen: Mord ist Mord. Keine Frage. Der Femizidbegriff wurde in den 1990er-Jahren in der Kriminologie und Soziologie eingeführt. Das ist ein Fachbegriff, der Morde bezeichnet, die an Frauen begangen werden, weil sie Frauen sind, weil sie die weibliche Rolle einnehmen.

Macht den Tätern das Weibliche Angst?
HEIDI KASTNER: Es ist eine irrige Annahme, dass die meisten Männer aus Angst töten. Es gibt so viele unterschiedliche Gründe dafür, dass ein Mann zum Täter wird. Es wird nicht gelingen, die alle in einem passenden knackigen Begriff zusammenzufassen. Meistens sind Beziehungspartnerinnen die Opfer: ehemalige, aktuelle oder erwünschte. Der Mann akzeptiert nicht, dass die Frau eigenständig und für sich entscheidet – das hat mit Angst vor dem Weiblichen nichts zu tun, sondern mit einer beträchtlichen Selbstermächtigung. Der Mann sagt sich: Weil ich ein Mann bin, kann ich über eine Frau bestimmen.

Geht es um Narzissmus?
HEIDI KASTNER: Ich bin gegen diese Schlagworte. Narzissmus ist mittlerweile zum Allerweltsbegriff verkommen. Aber man sollte den Begriff nur verwenden, wenn er fachlich auch zutrifft. Narzissmus geht über den Kontext einer Paarbeziehung hinaus. Nein, es geht um diese männliche Selbstermächtigung und um die Überzeugung, dass ich als Mann bestimmen kann, wie und mit wem meine ehemalige, aktuelle oder erwünschte Partnerin lebt – und ihr steht diese Selbstbestimmung nicht zu.

Wenn nicht mit mir, dann mit niemandem?
HEIDI KASTNER: Ja, aber auch: Mich kränkt man nicht! Denn es ist eine Kränkung, wenn mich jemand für entbehrlich hält. Es geht also um Selbstermächtigung und auch um eine Gekränktheit.

Haben Männer, die Frauen töten, etwas gemeinsam?
HEIDI KASTNER: Der gemeinsame Nenner, das ist aber ein sehr großer gemeinsamer Nenner, ist ein erhöhter Selbstbezug und eine fehlende Bereitschaft oder auch fehlende Fähigkeit, dem anderen dieselben Möglichkeiten zuzuschreiben wie einem selbst. Aber das sieht man bei fast allen Delikten. Ich mag den Begriff Empathie nicht mehr, weil er inflationär verwendet wird – aber es geht auch um die Überzeugung, dass meine Bedürfnisse wichtiger sind, als die der anderen.

Also Egoisten.
HEIDI KASTNER: Ja, durchaus.

Psychopathen?
HEIDI KASTNER: Nicht zwingend. Nein. Ich bin sehr dagegen, dass Fachbegriffe verwässert werden. Das ist schon mit dem Begriff Hysterie passiert. Sobald sich jemand aufführt, nennt man ihn hysterisch. Das ist falsch. Wenn wir Fachbegriffe verwässern, verlieren sie ihre Trennschärfe. Zu sagen: Alle Männer, die ihre Partnerin oder Expartnerin töten sind Psychopathen, geht an der Realität vorbei.

Finden sich manche Männer in der modernen Welt nicht zurecht? Provokant formuliert: Kann der Mann nicht damit umgehen, dass Frauen gleichberechtigt sind?
HEIDI KASTNER: Dann sollte sich der Mann ein bisschen anstrengen, damit umzugehen! Ich finde es interessanter zu hinterfragen, woher dieser Dominanzanspruch vieler Männer kommt, der doch auf sehr tönernen Füßen steht.

Gibt es eine Korrelation zwischen Femizid und Migration?
HEIDI KASTNER: Es wäre falsch und verlogen, wenn wir unter den Teppich kehren würden, dass ein Teil der Femizide in Österreich von Migranten begangen wird. Was den prozentuellen Anteil in der Bevölkerung betrifft, sind Migranten als Täter bei Femiziden überrepräsentiert. Das ist ein Faktum. Die Täter kommen aus Kulturen, in denen der männliche Dominanzanspruch noch immer fest verankert ist.

Wie kann sich eine Frau generell vor Gewalt schützen? Gibt es Vorzeichen?
HEIDI KASTNER: Es gibt Männer, die den Dominanzanspruch durchgängig leben, schon am Anfang der Beziehung. Die den Frauen erklären, dass sie nichts zu sagen haben. Und das steigert sich dann sukzessive, und oft nach der Geburt eines Kindes, weil sich viele Männer dann denken: Jetzt ist sie an mich gebunden. Frauen neigen zum Denken, dass es sich bei Gewalt gegen sie nur um einen Ausrutscher handelt. Oft glauben sie auch, dass der Mann sich das schon noch abgewöhnen wird, oder sie es ihm abgewöhnen. Aber aus der Ausnahme wird ganz schnell eine Regel im Umgang miteinander. Viele Frauen versuchen die Gewalt gegen sie auch noch schamhaft zu vertuschen. Wenn sie dann mit ihren Verletzungen doch ins Spital müssen, so sagen sie oft, dass sie gegen die Tür gerannt oder die Stiege hinuntergefallen sind.

Schweigen viele Frauen nicht auch lange, weil sie sich fürchten?
HEIDI KASTNER: Ja natürlich, viele Männer drohen ihnen ja auch damit, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen werden, wenn sie jemandem etwas erzählen. Es ist auch fatal, wenn sich Frauen einerseits daran gewöhnen, dass sie ihr Mann schlecht behandelt und sich andererseits schämen, dass herauskommen könnte, wie schlecht es ihnen geht. Deshalb halten viele ziemlich lang dicht. Aber man muss allen Frauen dringend empfehlen, jede Grenzverletzung sofort als inakzeptabel hinzustellen und als Alarmsignal zu sehen – und zwar die erste Grenzverletzung! Für mich selbst war immer klar – ich hatte zwar nie Anlass, aber trotzdem – mich würde ein Mann nur einmal schlagen. Denn die Chance auf ein zweites Mal, die kriegt er nicht.

Die rote Linie.
HEIDI KASTNER: Ja, da muss man dann auch sofort weg, denn dann stimmt etwas nicht mit dem Menschen. Und es nützt keiner Frau, wenn sie abwiegelt und sich sagt, naja, war aber eh nicht so schlimm. In dieses Muster darf keine Frau geraten.

Ist die Aggression in der Pandemie gestiegen?
HEIDI KASTNER: Ich denke schon. Allein schon, weil alle in jedem Lockdown mehr aufeinander picken. Außerdem ist eine generelle Gereiztheit in der Gesellschaft spürbar. Nicht nur bei den Demonstrationen. Man braucht nur durch die Stadt zu gehen und in die Gesichter zu schauen. Die meisten wirken unzufrieden.

Die Spuren der Pandemie?
HEIDI KASTNER: Ja sicher, aber man darf sich schon fragen, ob diese Frustrationen angebracht sind. Ja, die Pandemie ist ein Einschnitt in die Lebensqualität, aber für die meisten doch keine lebensbedrohliche Situation! Verglichen mit jener Zeit, in der die Menschen nicht wussten, ob sie den nächsten Bombenangriff überleben, sind unsere Einschränkungen doch Peanuts! Wenn man nicht so ausgehen kann, wie man möchte, dann ist das eine Zeit lang eben so. Ich sehe nicht ein, dass es ein Trauma ist, wenn man samstagabends nicht Party machen kann. Das ist Jammern auf hohem Niveau.

Was muss passieren, damit es Frauen endlich besser geht?
HEIDI KASTNER: Die formale Gleichstellung, die es in Österreich ja gibt, muss endlich auch im Gefühl ankommen. Noch ist es wie auf der Autobahn, wo es auch eine 130 km/h-Beschränkung gibt. Formal.

Zur Person

Heidi Kastner, geboren am 17. August 1962 in Linz, ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Gerichtsgutachterin (Fall Fritzl), Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Linz und Autorin.
Buchtipp: „Dummheit“ (Kremayr & Scheriau)