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Italien wird plötzlich zum Vorbild

26.09.2021 • 11:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
First Day Of Implementation Of The Green Pass (EU s Digital Covid Certificate) In Italy Audience in line before showing
First Day Of Implementation Of The Green Pass (EU s Digital Covid Certificate) In Italy Audience in line before showing imago images/NurPhoto

Impfboom: Ab 15. Oktober werden 3-G-Nachweise weiter verschärft.

Corso Magenta 71, Mailand: 9 Uhr. Vor den Pforten der Ursulinen-Volksschule drängen sich besorgte Mütter und Väter, um ihre Erstklässler zumindest zu Schulbeginn in ihr Klassenzimmer zu begleiten. Sie schrecken auch vor den langen Warteschlangen nicht zurück und bleiben geduldig, bis ihr QR-Code bestätigt wird. Denn ohne den Green Pass, geht in Italien nichts mehr. Sogar in meinem Stamm-Kaffee muss ich frühmorgens den auf meinem Handy verewigten Code zücken, um in den Genuss eines Cappuccino zu gelangen. Ganz zu schweigen von Fitness-Zentren oder Schwimmbädern, von Kinos, Konzerten, Museen, Schnellzügen oder den Flughäfen, die ohne Green Pass nicht mehr zugänglich sind.

75 Prozent der über 12-Jährigen sind geimpft

„Si Vax, No Vax, Free Vax“ das sind die drei Slogans, um die sich alles dreht. Die große Mehrheit spricht sich in Italien für die Impfung aus. Jüngsten Regierungsberichten zufolge sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt 41 Millionen Menschen vollständig geimpft. Das sind etwa 75 Prozent der Bevölkerung der über-12-jährigen. Sonderkommissar General Paolo Figliuolo will im Oktober 80 Prozent erreichen. Der Anteil der Nichtgeimpften wird im Landesschnitt mit 13 Prozent angegeben, weniger als sonst wo.

Zwar gibt es auch in Italien Protestkundgebungen gegen den sogenannten Impfzwang. So gingen in Triest gestern Tausende Impfgegner auf die Straße und auch in anderen großen Städten wir Mailand und Neapel gab es Demos. Der vom rechtspopulistischen Lega-Chef Matteo Salvini vorgeschlagene Kompromiss: „Free vax“– jeder kann handeln, wie er will – findet in der breiten Öffentlichkeit allerdings kaum Echo. Selbst in Salvinis „Regierungs“-Partei stößt er auf taube Ohren.

Italien avancierte unter seinem Regierungschef Mario Draghi zum Musterland der Pandemiebekämpfung. Die bereits gegenüber anderen Ländern äußerst rigorosen Impf-Regeln sollen ab 15. Oktober noch einmal verschärft werden. Die geplante Ausweitung der im Bildungs- und Gesundheitswesen gültigen „Grüne-Pass-Pflicht“ hat die Anmeldungen für Erst-Impfung um über 20 Prozent steigen lassen. Wer kein gültiges Impfzertifikat vorweist, darf ab 15. Oktober nicht mehr arbeiten. Er wird freigestellt. Arbeitgeber, die auf eine Kontrolle verzichten, müssen ab 1500 Euro Strafe zahlen. Die Bestimmung trifft unter anderem für Behörden, Büros, Geschäfte und für Tourismus- und Gastronomie-Betriebe zu.

Massimo Cacciari, Philosoph und ehemaliger Bürgermeister von Venedig, donnert: „Das ist gegen die Verfassung.“ Diese sehe die Entscheidungsfreiheit des Individuums vor. „Das ist gegen die Ethik“, erklärte Cacciari in einer TV-Diskussion. Er selbst hat sich impfen lassen. Auch Oppositionsführerin Giorgia Meloni spricht von einem „verfassungswidrigen Wahnsinn“.

Draghi vermeidet eine gesetzliche Impflicht

„In einer nationalen und weltweiten Notlage sind entsprechende Entscheidungen nötig“, lautet die Antwort der Regierung. Ministerpräsident Mario Draghi vermeidet, die Impfpflicht per Gesetz einzuführen. Doch es gibt keine gültige Alternative dazu. Die Schnelltests oder PCR-Abstriche sind kurzfristig gültig und kosten Geld.

Im Gegensatz zu den vergangenen Monaten werden die Schulen im Fall von neuen Infektionen nicht geschlossen. Nur einzelne, von der Corona-Pandemie betroffene Klassen, können vorübergehend gesperrt werden. „Nach nahezu zweijährigen Lock-Down-Maßnahmen atmen wir wieder auf, die Regierung will neuerliche Schließungen klar vermeiden“, bestätigte Lisa Jucca, Journalistin und Mutter von zwei halbwüchsigen Schülern.

Italiens energischer Anti-Pandemie-Kurs zeigt bereits Erfolge. Die Anzahl der Neu-Infektionen sinkt. Auch wird heuer ein Wachstum des Bruttonationalprodukts von über 6 Prozent, eines der höchsten im europäischen Umfeld, angepeilt. Der vom Statistischen Amt ISTAT errechnete Verbraucher-Vertrauens-Index kletterte im September auf einen Zwanzigjahresrekord von 119,6. Und zum ersten Mal seit Jahren planen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, in ihrem gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie, einen Sozialpakt zu gründen.