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Warum ich zu den Mädels nicht mehr „Digga“ sagen darf

10.04.2021 • 18:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne
in der Neue am Sonntag.

Vergleiche ich die Briefe meiner Großeltern mit den Handy-Kurznachrichten meiner Kids, habe ich den Eindruck, auf die Kommunikationsformen zweier verschiedener Planeten gestoßen zu sein.

Meine Oma, bemüht um eine wunderschöne, schnörkelige Schrift, wählte jedes Wort mit Bedacht. Ein Satz geht mitunter über drei Zeilen, und der ganze Brief liest sich ein bisschen wie ein historischer Kitschroman. Die Nachrichten meiner Kids halten sich möglichst kurz und sind frei von jeder unnötigen Verschönerung. Schnell und effizient ist hier die Devise. Sogar ein „O.k.“ erfährt noch eine Abkürzung auf „k.“. Einsparungen, wo es nur möglich ist. Oft genug werden auch nur Piktogramme und Emojis versendet. Diese aber richtig zu lesen, bedarf viel Erfahrung. Wenn mir Tochter per SMS fünf dampfende Kaffeehäferl, zwei Suppenteller, eine tanzende Frau, vier Rufzeichen, eine Schokolade plus zehn Fragezeichen, danach ein Herz und einen Kussmund schickt, muss man erst dahinter kommen, dass sie gerade durch die Küche gefegt ist, den Geschirrspüler eingeräumt hat und jetzt nach einer Belohnung fragt.

Aber es ist auch logisch. Zu Omas jungen Zeiten gab es keine Video-Telefonie, es gab nicht die Möglichkeit, täglich in Kontakt zu sein und über jede Glückseligkeit oder jedes Wehwehchen innert Sekunden seinen Partner oder Freundinnen zu informieren. So ein Brief musste im Kopf des Lesers oder der Leserin Bilder erzeugen und Nähe vermitteln, und diese sollten zumindest bis zum nächsten Klopfen des Postboten anhalten. Meine Omi täte sich auch schwer, meine Mädels zu verstehen. Wobei ich sagen muss, die Kids ändern ihren Sprachgebrauch je nachdem, mit wem sie sich unterhalten.

Und es ist ein absolutes No-Go, wenn ich versuche, mich auf die Sprachebene der Teens zu begeben. „Chill’ deine Base, Digga und geh’ jetzt endlich ins Bett!“ erzeugt bei den Mädels nichts weiter als ein schmerzhaftes Stöhnen und Augenrollen gefolgt von: „Mama, du bist so peinlich!“ Ins Bett wird dennoch nicht gegangen, weil ich einfach nicht als ernstzunehmende Erziehungsberechtigte angesehen werde. Ergo: Bestimmte Sprache funktioniert nur in einer eigenen Gesellschaftsguppe und nicht darüber hinaus. Ich glaube, man wäre auch in einer Männerrunde etwas seltsam berührt, säße ich mich breitbeinig dazu, nähme einen Schluck aus einer Bierflasche und würde rülpsend ein „Wäh! Der Tag ist mir heute auf den Sack gegangen. Mich nicht ansprechen! Fußball?“ verbal in die Runde schmeißen. Das Wort „Fußball“ aus meinem Mund wäre äußerst befremdlich in dieser Konstellation.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.