Allgemein

Wie konnte die zweite Welle passieren?

21.10.2020 • 11:53 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wie konnte uns die zweite Welle passieren?
Wie konnte uns die zweite Welle passieren? delbars – stock.adobe.com (Delbars)

Im Sommer herrschte Zuversicht, zweite Welle verhindern zu können.

Im Sommer waren viele Experten zuversichtlich, dass wir uns eine zweite Welle ersparen können – nun sind wir bereits mitten drin. Was ist schief gegangen?
Gerald Gartlehner: Die Realität ist, dass die zweite Welle auf uns zurollt. Schauen wir nur auf die Infektionszahlen, sehen wir eine Welle – in den Krankenhäusern sieht es noch nicht nach Welle aus, das wäre aber auch die viel dramatischere Welle. Ich frage mich auch, warum wir so schlecht vorbereitet waren – es war absehbar, dass steigende Zahlen auf uns zukommen. Warum beginnt Wien erst im September, zusätzliches Personal für das Contact Tracing anzustellen? Auch die Gesellschaft nimmt es lockerer, wir sind gut durch die erste Phase gekommen.

Was wurde in der Vorbereitung auf Herbst und Winter verabsäumt?
Gartlehner: In vielen Bundesländern wurden nicht rechtzeitig die notwendigen Ressourcen geschaffen. Dafür sind politische Entscheidungsträger verantwortlich.

Gerald Gartlehner, Epidemiologe
Gerald Gartlehner, EpidemiologeSonstiges

Zur Person

Gerald Gartlehner ist Epidemiologe
und leitet das Department für Evidenzbasierte
Medizin an der Donau-Universität Krems.

Welchen Stellenwert hat Contact Tracing in der Pandemie-Kontrolle jetzt noch: Slowenien musste die Nachverfolgung der Kontakte bereits einstellen.
Gartlehner: Wenn wir nicht aufpassen, kommen wir auch an diesen Punkt. Das wäre eine Bankrott-Erklärung des Systems! Welche zentrale Rolle die Kontaktnachverfolgung spielt, sehen wir an Ländern wie Südkorea oder Japan. Dort arbeiten Tracer in Schichten rund um die Uhr. Diese Länder mussten schmerzhaft aus der ersten SARS-Epidemie lernen und setzen dieses Wissen nun konsequent um. Die Kontaktnachverfolgung ist keinesfalls sinnlos – wenn sie funktioniert. Werden Infizierte erst zurückgerufen, wenn sie bereits wieder gesund sind, dann ist es sinnlos.

Hieß es am Beginn der Pandemie, „testen, testen, testen“ wäre zentral, kritisieren immer mehr Experten ungezielte Massentests: Welche Maßnahmen sind aus epidemiologischer Sicht überhaupt sinnvoll?
Gartlehner: Es gab hier von Anfang an ein großes Missverständnis: Als die WHO zu ‘testen, testen, testen’ aufrief, waren damit immer Menschen mit Symptomen und Erkrankte gemeint. Nie war gemeint, Tests wie mit der Gießkanne über einem Land auszuleeren, und wahllos Massentests im Tourismus durchzuführen. Das ist eine Vergeudung von Ressourcen, die anderswo fehlen. Das Virus ist in der Bevölkerung noch immer so selten, dass man sich ausrechnen konnte, dass Massentests zu einer beträchtlichen Zahl falsch-positiver Tests führen werden. Es gibt Schätzungen, wonach von zehn positiven Coronatests im Tourismus sechs falsch-positiv sind. Das hat Konsequenzen für die Betriebe.

Es gibt Unterschiede zum Frühjahr – so stehen die hohen Infektionszahlen noch in keiner Relation zu den schwer Erkrankten in den Krankenhäusern. Woran liegt das?
Gartlehner: Meine Erklärung ist, dass wir einfach viel mehr Testen. Wahrscheinlich haben wir die Infektionszahlen im Frühjahr stark unterschätzt, wäre mehr getestet worden, wären die Zahlen viel höher gewesen. Die Medizin hat aber auch dazu gelernt: Wir wissen in der Therapie, was sicher nicht wirkt – das Medikament Hydroxychloroquin zum Beispiel. Auch wenn wir noch keine kausale Therapie haben, wurde im Umgang mit Erkrankten sehr viel dazu gelernt. Hinweise darauf, dass das Virus sich abgeschwächt hätte, sehen wir nicht – es liegt vor allem an der Steigerung der Tests.

Hoffnung auf Schnelltests

Gerald Gartlehner: „Ich hoffe auf Antigen-Schnelltests: Diese Tests können eine Erkrankung relativ gut ausschließen. So ließen sich relativ schnell Tausende Menschen testen und wir müssten nicht alles zusperren. Es kann zu relativ vielen falsch-positiven Ergebnissen kommen, die dann zum PCR-Test müssen. Aber so wären größere Veranstaltungen möglich, ohne dass es zu Superspreading-Events kommt, die ja für die Virus-Ausbreitung zentral sind.“

Auch die Wissenschaft hat dazu gelernt: Sie sind Experte für evidenzbasierte Medizin, welche Erkenntnisse zum Virus sollten unseren Umgang damit beeinflussen?
Gartlehner: Wir können das Virus heute viel besser einstufen: Es ist moderat infektiös und insgesamt wenig tödlich. Das Problem ist aber: Es trifft auf eine Bevölkerung ohne Immunität. Allein die Menge der Erkrankten kann das Gesundheitssystem überfordern. Wären wir an dieses Coronavirus gewöhnt, gebe es eine Immunität in der Bevölkerung, würde uns das Virus nicht besonders aufregen. Die Horrorzahlen zur Sterblichkeit, die am Anfang der Pandemie kursierten – bis zu zehn Prozent Sterblichkeit – davon sind wir in der Gesamtbevölkerung weit entfernt. In bestimmten Bevölkerungsgruppen aber sieht das anders aus: Bei Menschen über 65 Jahre liegt die Sterblichkeit bei zwölf Prozent, bei Über-85-Jährigen bei 25 Prozent. Der Schutz dieser verletzlichen Gruppen muss an erster Stelle stehen. Aber das ist schwierig, jüngere Infizierte tragen das Virus unweigerlich in die älteren Bevölkerungsgruppen.

Was kommt noch auf uns zu?
Gartlehner: Ich denke, das Coronavirus wird sich ähnlich verhalten wie die Grippe: Diese erreicht ihren Höhepunkt Ende Jänner, Anfang Februar. Was wir tun können? Die Maßnahmen, die wir haben – gezieltes Testen und Tracen – müssen funktionieren, denn sonst sind auch alle anderen Maßnahmen sinnlos. Wozu registriere ich mich in einem Restaurant, wenn das Tracing ohnehin nicht funktioniert?